Geborgen im heiligen Raum

Das Ritual als Tor zu einer immateriellen Kraftwirklichkeit


»Hier, in den Tiefen des sexuellen Erlebens, beginnt wirklich das Jenseitige. Das Sein jenseits der Worte, jenseits aller Dualität. Hier ist eine Erfahrung des Göttlichen möglich, dessen Teil wir ja immer waren und sind.« (Horst Jansen)

 

Mit Beginn eines Rituals treten wir aus der gewöhnlichen Zeit heraus. Unser übliches Zeitverständnis löst sich auf und der Augenblick verdichtet sich. Hier, sicher gehalten und getragen von der Präsenz des rituellen Feldes, können wir den Griff lockern, mit dem wir das Vertraute und Gewohnte festhalten, und uns einer Ebene öffnen jenseits der Formen und Strukturen. Wir lassen die alltägliche Welt zurück und betreten eine Ebene, in der alles fließende Bewegung ist ohne Grenzen.


Kleiner Einzug: Mittlerweile hat die Quantenphysik entdeckt, was die Mystik aller Zeiten immer wusste: Es gibt noch eine andere Ebene außer der materiellen Realität, eine tiefere Ebene, deren Grundelement Verbundenheit, ständiger Wandel sind. Man kann es auch Geist oder Bewusstsein nennen. Was im wissenschaftlichen Jargon »Quantenfeld« genannt wird »ein leerer Raum unendlicher Möglichkeiten« oder »ungeteilte Ganzheit in fließender Bewegung« (David Bohm, Physiker), entspricht dem, was in der Mystik als göttliches Prinzip, Gott oder Leere bezeichnet wird. Doch letztendlich sind alle Namen nur Metaphern, um das Unbegriffliche auszudrücken.


Der Untergrund, die Quelle von allem ist eine Welt ohne Formen. Man könne auch sagen: Das Dazwischen, die Leere, die Lücke, das Nicht-Greifbare ist das Entscheidende. Und genau dort führt die Reise hin. Das Ritual ist hierbei eine Art Toröffner zu dieser immateriellen Kraftwirklichkeit. Der Körper, das Fühlen der Empfindungen, die Lust und das vollkommene Aufgehen darin, sind das Fahrzeug dorthin. Leere, Weite, Stille könne hier erfahrbar werden, das Gefühl in etwas Größeres eingebunden zu sein, das trägt und hält. Und je mehr wir uns einlassen, um so wird ruhiger und klarer wird der Geist, und ein tiefer Moment des Einverstandenseins entfaltet sich.


»Was wir Diesseits nennen, ist ja eigentlich die Schlacke, die Materie, also das, was greifbar ist. Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende Wirklichkeit, das viel Größere. Das, worin das Diesseits eingebettet ist.« (Prof. Hans-Peter Dürr, Physiker)


Dieses Feld ist der Seelengrund, den wir nur erfahren können, wenn wir tief ins Gewahrsein eintauchen. Hier ist alles möglich, denn dieses Feld ist frei von Einengungen und Vorschriften der gewöhnlichen Welt. Hier lösen sich die Gegensätze auf, werden Widersprüche miteinander versöhnt. Ambivalenzen können überwunden und tief liegende Reaktionsmuster losgelassen werden.
Solche Erfahrungen sind die tiefsten Ressourcen, die in unserem Leben zur Verfügung stehen. Gerade in der Tiefendimension der Seele kommen wir mit dem Lebendigsein in Kontakt mit dem ewigen, schöpferischen Fließen, und können uns mit neuer Kraft aufladen. Hier findet Erweiterung statt, berühren wir Neuland.


Die Innenseite des Augenblicks ist die Ewigkeit

Normalerweise ist der moderne Mensch mit seiner Aufmerksamkeit meistens im Denken gefangen. So verbringt er das Leben an der Oberfläche der Dinge, ohne Zugang zur Lebenstiefe zu haben. Aber gerade in der Tiefendimension des Lebens werden das Herz und die Seele genährt. Ohne Zugang dazu wird das Leben als flach und oberflächlich empfunden. Es fehlt die Anbindung an das Wesentliche. Erst mit dem Eintritt in die tiefere Wirklichkeit, ergibt sich die Vollendung. Man könnte auch sagen: Die Seele muss immer wieder ins Ganze zurückkehren, um sich in dem Urgrund zu verwurzeln.


»In der Stille begegnen wir der eigenen Sehnsucht nach dem Eigentlichen. Da spüren wir, dass der Lärm dieser Welt unsere tiefste Sehnsucht nicht zu stillen vermag.« (Anselm Grün)


Der Weg dorthin führt durch den Schwellenraum, die Lücke. Wir lassen einfach diesen kleinen Zwischenraum offen, in dem etwas geschehen kann, was jenseits des Erwarteten liegt. Das heißt: Anstatt das Erleben augenblicklich mit Erinnerungen zu verknüpfen, es zu bewerten und so in die sichere Welt des Bekannten zu verpacken, lassen wir den Kontakt zu – mit dem Moment und uns selbst.
Wir hören auf, den offenen Raum zuzuschütten mit Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen und Gewohnheiten und begegnen der vollkommenen Präsenz des Augenblicks. Ganz da, nicht wissend, was als nächstes passieren wird, vollkommen nackt in Verbindung mit der rohen, zarten Energie des Augenblicks. Das ist das Tor, das hinter die Welt der Konzepte und Strukturen führt, zu jenem Teil, der nicht konditioniert ist, zu unserer Essenz. Die Ungewissheit ist ein sehr zarter und offener Zustand.


»In der Stille kommt das Wesen der Dinge zum Vorschein. Sie lässt das Zufällige verstummen und bringt uns in Berührung mit dem Eigentlichen.« (Anselm Grün)


Anfangs fällt es oft schwer, lange genug in diesem Zustand zu bleiben, so dass sich die Erfahrung vertiefen kann. Die Gewohnheit, der unmittelbaren Wirklichkeit auszuweichen, ist sehr stark. Schnell greifen wir nach unseren vertrauten Denk- und Verhaltensmuster, um uns schleunigst wieder sicher zu fühlen. Wir verschließen uns, anstatt die totale Erfahrung zuzulassen. Vom Moment berührt zu werden, ist ein sehr intimer Augenblick, der uns mit unserer Verletzlichkeit in Kontakt bringt. Und inmitten des Nicht-Wissens zu stehen, verunsichert zutiefst.
Doch wenn wir bleiben, löst sich etwas Hartes in uns auf, kann sich etwas öffnen, weit werden. Mehr innerer Raum entsteht, Weite, Stille, Frieden breiten sich aus. Wir kommen mit dem Reichtum des Augenblicks in Kontakt und mit unserem inneren Reichtum. Tiefste Begegnung wartet auf Dich am Ende des Weges.



»Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.«
(Rainer Maria Rilke)



Über die Wirkmacht der Rituale

 »Die Seele weiß, wohin sie sich entfalten will und sie braucht nur einen Raum, in dem sie entdecken kann, was die Seele schon weiß.«

 

Der Schlüssel für die Kraft und Wirksamkeit eines Rituals liegt in der inneren Haltung. Das Herz ist dabei der Kompass und die Intention die Kraft, die das Potential zur Wirklichkeit werden lässt.


»Die Wahrscheinlichkeit verwirklicht sich nicht, solange Sie sie nicht mit dem Zusatz der Intention versehen haben. Sobald Sie die Intention hinzufügen, erblüht die Potentialiät zur Wirklichkeit. Sie wartete lediglich auf Ihre Zustimmung.« (David Hawkins, Physiker)


Ganz in der Gegenwart angekommen, in der Lücke, öffnet sich ein Raum, angefüllt mit unendlichen Möglichkeiten, ein Augenblick enormer, potentieller Kraft. Hier dehnt sich das Bewusstsein aus, gewinnt die Wahrnehmung an Klarheit, Kraft und Wahrhaftigkeit. Hier berühren wir das Feld unserer Potentialität, wo wir Baumeister unserer Wirklichkeit sind. Veränderung bedeutet demnach nicht, dass wir etwas dazutun oder wegnehmen. Veränderung heißt, wir lösen unsere Widerstände auf, die den Kontakt zu unserem Potential verhindern.


Anders formuliert: Transformation ist nur in der Lücke, in der Dimension des Gegenwärtigen möglich. Denn nur dort ist unsere Essenz fahrbar - unser Sein, jenseits unserer Geschichte und unserer Vorstellungen über uns selbst. Ohne Kontakt dorthin haben wir keine andere Alternative als unsere bestehenden Ich-Strukturen. Und ohne das Gefühl in etwas Größerem aufgehoben zu sein, haben wir nichts anderes als den Halt unserer Konzepte über uns selbst und die Welt.

 

»Ohne Gott können wir die Stille kaum aushalten. Denn ohne Gott begegnen wir nur uns selbst. Und irgendwann würden wir vor uns und der eigenen Wahrheit davonlaufen.« (Anselm Grün)


So greifen wir immer wieder nach denselben Denk- und Handlungsmustern und bleiben in unseren Gewohnheiten gefangen. Mehr noch: Mit jeder Wiederholung werden die Strukturen immer eingefahrener und gewinnen zunehmend an Macht. Das gilt für das gesamte Leben wie auch für die Sexualität: Wir leben vielmehr in Reaktion statt unser (Sexual-) Leben bewusst zu gestalten. Bleiben wir aber in der Lücke, inmitten von Nicht-Wissen und Unsicherheit, dann öffnet sich ein Raum voll unbegrenzter Möglichkeiten, voller Geheimnisse, die es zu entdecken gibt.
Ein Ritual ist immer eine Einladung, aus den bestehenden Gewohnheitsmustern herauszutreten und sich für das lebendige, schöpferische Jetzt zu öffnen. Und ein Ritual braucht immer eine Wahl – eine Wahl zwischen Zulassen und Festhalten, zwischen Öffnen und Verschließen, zwischen Hingabe und dem Versuch, alles im Griff zu haben. Wie tief willst du dich einlassen? – Es liegt allein an Dir...