SExuelle Heilung

Vereinigung von Mystik und Erotik, SExualität und Spiritualität

Die heilige Hure, die um die Heiligkeit der Sexualität weiß, sie lebt und zelebriert, existiert nicht mehr.

Was einst eine Einheit war, ist noch immer getrennt in Kirche und Freudenhaus, in Höherers und Niederes, in Heilig und Profan.


Es ist schon seltsam… in allen Bereichen des Lebens entwickeln wir uns irgendwie weiter, aber was die Sexualität betrifft, scheint die Entwicklung stehen geblieben zu sein. Noch immer wird unsere sexuelle Kultur (wenn man überhaupt von solcher sprechen kann) von sexualfeindlichen Konditionierungen bestimmt. Das Erbe der lustfeindlichen Doktrinen unserer religiösen Traditionen lebt nach wie vor in uns und bestimmt unser Denken und Handeln und Fühlen.

 

Mystik und Erotik, Sex und Spiritualität sind weiterhin getrennt in unseren Köpfen und in unseren Körpern. Die heilige Hure, die um die Heiligkeit der Sexualität weiß und dieses Wissen spürbar machen kann, es lebt und zelebriert, existiert nicht mehr. Was einst eine Einheit war, ist noch immer getrennt in Kirche und Freudenhaus, in Höherers und Niederes, in Heilig und Profan.

 

Aber damit habe wir auch unser Wesen aufgespalten. Kein Wunder, dass wir so betäubt und verwirrt sind und uns so abgetrennt fühlen, wenn das Essentielle von uns in zwei Hälften geteilt ist!

 

Die Wirklichkeit  ist ein Ganzes und beides – Sexualität und Spiritualität - sind Ausdruck ein und derselben Energie. Oder anders gesagt: Es gibt nur eine Kraft, ungeteilt, die Göttliche! Und zu zeigen beginnt sich diese Energie im Becken.


Sexualität ist die eigentliche Kraft, die tiefste Kraft, die alles zusammenhält und steuert. Sie ist es, aus der alles Leben entspringt. Die jeden in den Dienst nimmt, damit das Leben weitergehen, sich fortsetzen kann. Diese Kraft abfällig als Trieb oder als Geilheit zu bezeichnen und so herabzusetzen, zeigt nur, wie sehr die Spaltung noch immer existiert in Richtig und Falsch, Gut und Schlecht, Sünde und Heilig.


Geilheit oder sanktionierte Vögelei?

Um den tiefen Schmerz nicht zu spüren, den diese Spaltung verursacht hat, haben Männer wie Frauen Verhaltensformen in der Sexualität entwickelt wie z.B. die Fixierung auf bestimmte Formen der Stimulation. Denn gewohnheitsgemäß zu reagieren hilft der Wirklichkeit auszuweichen und verhindert so den Kontakt zu seinen Gefühlen. Die Folge davon: Wir haben uns in sexuelle Gewohnheiten eingesperrt, die unser wahres sexuelles Selbst gefangen halten. Abgetrennt von den eigenen Gefühlen ist bei manchen der Sex zu einem Konsumgut geworden.

 

»Ein erfülltes sexuelles Erleben ist ein grundlegender Weg zur Selbstheilung. […] Aber der Sex, der uns normalerweise umgibt – in der Werbung, in der Unterhaltung, in der flüchtigen Begegnung im Dunklen –, ist eher auf Äußerlichkeit und Oberflächlichkeit ausgerichtet und spielt sich vielmehr im Kopf als im Körper ab. Dieser chronischer Missbrauch der Sexualität ist in dem Maße ungesund und zerstörend, wie echtes sexuelles Erleben heilend, ganz-machend ist.«

(Gabrielle Roth: Das befreite Herz)

 

Genauso können sowohl tantrische Praktiken als auch spirituelle Übungen zur Vermeidung alten Schmerzes eingesetzt werden: Die sexuelle Triebkraft wird in den akzeptablen Rahmen wie tantrische Sexualität eingebunden und mit  sublimierenden, höheren Zielen verknüpft. Auf diese Weise wird die animalische Geilheit in etwas Akzeptableres verwandelt: heiliger Sex, die Verschmelzung von Mann und Frau.
Vor diesem Hintergrund werden auch Lehren wie Tantra oder Tao schnell wieder zu neuen Dogmen, die neue Moralapostel hervorbringen, nicht aber die Spaltung zu heilen vermögen.

 

»So taucht die Frage, ob Geilheit mit Tantra vereinbar sei nur dort auf, wo Geilheit mit Sünde oder moralischer Verfehlung gleichgesetzt wird. […] Wenn Tantra etwas transzendiert, dann nicht die Sexualität, damit würde sie sich ihres energetischen Potentials berauben, sondern das Anhaften an moralische Bewertungen.« (Andro)

Die Lust als Lust akzeptieren

Wird dem Verletzt-Sein bzw. der Verletzlichkeit kein Raum gegeben, muss ein ganzes System von Verhaltensweisen beibehalten werden, das nicht nur verhindert, alte Verletzungen wieder zu spüren, sondern auch zukünftige zu vermeiden. Solcherart funktionalisierte Strategien sind nicht mehr heilsam. Im Gegenteil: Sie führen immer weiter in die Verstrickung und Selbstverletzung und wirken der tiefen Sehnsucht, dem anderen in tiefer, erfüllender Weise zu begegnen, entgegen.

 

Für die Heilung der Sexualität ist es essentiell, die eigene Lust als Lust zu akzeptieren, in all ihrer animalischen Bedeutung . Ohne sie mit einem spirituellen Überbau zu versehen. Und auch ohne sie in überhöhte Liebes- und Beziehungskonzepte einzubinden.

 

Das Zulassen beider Aspekte der Sexualität – das Animalische und das Heilige – ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Wir müssen eine neue Wirklichkeit erschaffen, in der Lust Geilheit sein darf, und der sexuelle Trieb heiliger Ausdruck der schöpferischen Lebenskraft.

Lassen wir die Trennung los, die nicht nur unser Sexualleben, sondern auch unsere Körper, unsere (Sexual)-Kultur und die Begegnung von Mann und Frau vergiftet, so kann auch unsere Gesellschaft heilen.

 

So schwierig der Weg auch sein wird, eins sollten wir nicht vergessen: Wollen wir unseren unzähmbaren und unteilbaren Eros einer seit Jahrhunderten vorgegeben Moral überlassen, oder nehmen wir unsere Sexualität selbst in die Hand?

 

»Eros ist das Tiefste und Schönste auf der Welt, wo er frei strömen kann. Er ist aber auch das Tiefste und Schlimmste, wo er blockiert und betrogen wird.«